Vom Liebeskummer und dem Drang nach Freiheit

Mein sogenannter Liebeskummer feiert sein einjähriges Bestehen. Allein und in der ganzen Tragik seines Lebens sitzt er da, wie ein Klümpchen Hoffnungslosigkeit und bemitleidet sich selbst. Die Bilder an den Wänden, die gibt es nicht mehr. Mein Liebeskummer starrt trotzdem auf die weißen Rahmen. Denn im Kopf, ganz hinten, da sind sie noch vorhanden, bestehen weiterhin mit jeder Erinnerung. Aber mein Liebeskummer ist auch geschrumpft. Er ähnelt jetzt mehr einem alten Männlein, dem man aus dem Stuhl aufhelfen muss, weil die Kraft zum aufstehen fehlt. Aber bevor er sich helfen lässt, sitzt er da und erzählt stur von früher. Immer wieder. Und man hört zu, geduldig, obwohl man das Ende kennt. Weg hören geht nicht und die Flucht ergreifen nur bedingt. Anfangs hielt er einen mit ganzer Kraft am Arm zurück, aber mittlerweile ist er nicht mehr so flink und stark. Wegen seines Alters, versteht sich. Und wenn man doch mal bewusst zuhört, dann hat er einiges zu berichten. Von der (großen) Liebe natürlich. Der Freude, Trauer, Wut und Erschöpfung. Von der ganz großen Hoffnung irgendwann mal wieder über den Tellerrand hinausschauen zu können und eben den Freunden, denen man so begegnet.

An manchen Punkten kann man ihm Recht geben, an manchen den Kopf schütteln und ihn berichtigen. Er beharrt trotzdem darauf, alles richtig gemacht zu haben. Und dann erzählt er, was er in seinem einjährigen Bestehen doch alles erreicht habe. So unverschämt selbstbewusst, als würde er sich selbst auf die Schulter klopfen wollen, um zu zeigen, was für ein toller Prachtkerl er in Wahrheit sei. Er habe nie den Mut verloren und ist trotz der nun vorgegebenen Situation immer versucht, das Positive zu sehen. Er habe aus dem großen Negativen das noch so kleinste Goldstück geschöpft. Sich um sich gekümmert und Acht gegeben. Mit der Zeit gemerkt, dass es auch, trotz des Schmerzes die bessere Entscheidung war. Mein Liebeskummer versichert mir, dass, obwohl er sich verbittert an Altes erinnert, trotzdem das Beste für mich wolle. Er habe mir die Möglichkeit zum wachsen und reifen gegeben. Er behauptet in gewohnter Manier, ohne ihn wär ich sehr wohl erstickt. Erstickt am grauen Alltag und ich hätte es geahnt, aber hätte es nicht kommen sehen wollen. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ohne ihn und all seinem Hang zur Dramatik, hätte ich vieles nicht geschafft. Mein Liebeskummer ist nervig, aber dennoch voller Wissen und Tatendrang. Er wird immer schwächer, das merke ich kontinuierlich. Anfangs ließ er sich kaum bezwingen, verkroch sich unter einer Decke und hielt sich die Ohren zu. Mittlerweile weiß man ihn anzupacken. Er lernt zur Ruhe zu kommen. Mein Liebeskummer, lang wird er es nicht mehr durchhalten, aber das ist ok. Er hat doch alles gegeben.

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Comments

  1. Antworten

    Sehr schöner Text, toll geschrieben und oh ja, da steckt sehr viel Wahrheit drinn! 🙂
    Liebe Grüße,
    Lisa <3

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